Natürliche Grenzen von Initiativen: Grundlegende Veränderung und Reichweite

Der Umfang einer Initiative

Bei der Umsetzung von sozial-ethischen Zielen sind Umfang und insbesondere Reichweite einer Initiative relevant. Der Umfang einer Initiative kann sich auf die Anzahl der engagierten Menschen oder auch der zur Verfügung stehenden Gelder beziehen. Mitunter sind zehntausende Menschen bei Demonstrationen auf der Straße, Parteien und weltweite Verbindungen zählen Millionen von Mitgliedern und mitunter werden Milliarden von Euro in sozial-ethische Förderprogramme investiert. Der Umfang einer Initiative bedingt auch Nachhaltigkeit und längerfristigen Einfluss. Auszuschließen ist allerdings nicht, dass eine Initiative mit großem Umfang insgesamt zum Ausbau des Ungleichgewichts beiträgt. Mitunter vergrößert sich die Schere zwischen Arm und Reich. Am Ungleichgewicht hat die Initiative nichts verändert, während darum herum konstruktiv auf alles Mögliche eingewirkt wird. Womöglich werden Folgen von grundlegenden Missständen aus unterschiedlichsten Perspektiven dargestellt und Mitempfinden trägt zum Gefühl der Erleichterung bei. Vielleicht sind tatsächlich Bäume im Regenwald gepflanzt worden. Das Dilemma jener Initiativen zeichnet sich nicht dadurch aus, dass kein oder zu wenig sozial-ökologischer Einfluss ausgeübt wird. Der Initiative fehlt überhaupt die Möglichkeit, auf das allgemeine Ungleichgewicht Einfluss zu nehmen. Unverändert hat das alte Ungleichgewicht weiterhin Bestand. 

 

Reichweiten einer Initiative

Reichweite und Umfang einer Initiative sind keineswegs das Gleiche. Die Reichweite bezieht sich zunächst auf das Potenzial einen Kontext zu verstehen und schließlich darauf, diesen durch Einflussnahme zu verändern. Die Reichweite einer Initiative sagt etwas über die tatsächlichen Veränderungsmöglichkeiten einer Initiative aus. Anders als bei Umfang steht bei Reichweiten eher ein qualitativer Aspekt im Vordergrund. Reichweiten, die nicht über Folgeprobleme und Interessen hinausreichen, sich also in speziellen Facetten des Ganzen bewegen ohne grundlegende Zusammenhänge erreichen zu können, werden als geringe Reichweiten bezeichnet. Initiativen mit maximalen Reichweiten haben überhaupt erst das Potenzial, grundlegende Veränderungen zu erzielen. Notwendigerweise setzt der Erfolg einer Initiative voraus, dass die Reichweiten der Komplexität des Problems gerecht werden. Der tatsächliche Einfluss einer Initiative und Bewegung ist nicht von deren Reichweiten zu trennen. Erweiterte Reichweiten ermöglichen es, tatsächlich bei den Gründen jener Missstände anzusetzen. 

 

Reichweiten einer Initiative und Bewegung stehen in engem Zusammenhang mit dem Menschen und dessen Reichweiten. Während das Engagement eines Menschen umfangreich sein kann, zeugen Reichweiten unabhängig von quantitativen Aspekten davon, inwieweit sich jener tatsächlich einlassen kann. Jenes Engagement gleicht sowohl einer persönlichen als auch einer individuellen Auseinandersetzung. Während ein Mensch Mut aufbringt, um aus alltäglichen Gefahren zu treten, wird in dieser Bewegung eine Distanz zurückgelegt bzw. die eigene Reichweite ausgebaut. Einzelne und Generationen von Menschen formulieren Fragen. Während die Fragen zunächst direkt und keineswegs grundlegend sein können, sind die Menschen bereits in ihrer Stimmung, die jetzt eine unbekümmerte Aufbruchsstimmung ist, verbunden. Während Menschen, jene freien Geister, das eigene Zuhause zurücklassen, wachsen sie über sich hinaus. Bereits jetzt sind eigene Vorstellungen größer geworden, indem nunmehr in der als Ganzes erscheinenden Welt auf Missstände gezeigt wird. Die Aussagekraft der Reichweiten ist von großer Bedeutung, da die Menge der Kritik- und Ansatzmöglichkeiten groß und mitunter schwer zu überschauen ist. Während es leicht ist, alles in Frage zu stellen, fällt es schwer, überhaupt einen Überblick zu gewinnen. 

 

Solange weltpolitische Zusammenhänge nicht aus den Augen gelassen werden, profitieren wieder jene wenigen Einflussreichen. Engagierte Menschen verschwenden Potenzial und Lebenszeit mit Folgeproblemen. Es gilt konsequent und ehrlich weiterzumachen, indem beispielsweise auch kritisch nach staatlicher Einflussnahme und Geheimdiensten als solchen gefragt wird. Auch wenn sich Betrachtungshorizont bzw. die individuelle Reichweite vergrößern, heißt dies keineswegs, dass jene neuen „Inhalte“ negativ bewertet oder gar abgelehnt werden. Ganz im Gegenteil trägt die Erweiterung auch zur Neubewertung einst noch überragender Wünsche und Ideale bei.   

 

Allerdings tragen Stress, Pflichten und Aufgaben in Alltag und Berufswelt dazu bei, dass Reichweiten sich nicht wirklich entfalten können. Während die geringe verfügbare Zeit Antworten einfordert und es verhindert eigene Fragen zu stellen, stellen aktuelle Lebenspraktiken irgendwelche Antworten zur Verfügung. Mitunter gleicht die gegenwärtige Lebenssituation einer anhaltenden Konfrontation. Trotz alledem gibt bereits ein kritischer Umgang mit Informationen und Medien, ebenso eine bereits im Fragen angezeigte Positionierung, die niemals in der Stellungnahme verdeckte Stimmung Aufschluss. Immer wieder lässt sich, mitunter über die Grenzen der Partei hinweg, auf entsprechende Veränderungswünsche und entsprechende Reichweiten schließen. Zunächst erschüttern jene „Abgründe von Politik und Wirtschaft“, wenn mitunter sinnlose Investitionen von staatlichen Geldern ausgemacht werden. Es ist menschlich, sich mit den Opfern zu solidarisieren und mitzuempfinden, sich gemeinsam auszutauschen. Tatsächliche Veränderung setzt voraus, neben dem Empfinden jener Abgründe die grundlegenden Zusammenhänge und damit die Veränderungsmöglichkeiten erweiterter Reichweiten nicht zu verlieren.   

 

Erweiterte Reichweiten setzen in gewisser Weise Perspektivwechsel voraus. Die Gegenwart als solche erfährt durch die Vielschichtigkeit eine Erweiterung. Neben politischen und wirtschaftlichen stellen jetzt auch wissenschaftliche Zugänge einen unter vielen anderen dar. Entgegen der Richtung von Analysen zum Detail hin finden mehrere Stimmen Gehör. Durch Perspektivwechsel und indem diversen Zugängen Eingang zum Gespräch geöffnet wird, öffnet sich ein komplexes Verständnis der Gegenwart. Alltag und Leben haben jenseits der einzelnen Bereiche der Wissenschaften viele Gesichter. Über die eigenen Perspektiven hinaus sehend werden Menschen wahrgenommen. 

 

Die Möglichkeit gemeinsam nicht die Folgen, sondern die grundlegenden Missstände zu verstehen ist gegeben, allerdings durch die Perspektivenvielfalt an sich noch nicht getan. Einerseits ist es erforderlich, dass die Gemeinschaft mitempfindend den Opfern in Krisen und Notsituationen unterstützend zur Seite springt. Über Glaubens- und Vorstellungsgrenzen hinweg stellt sich gemeinschaftliches Mitempfinden ein. Mitempfinden meint nicht, die eigenen Vorstellungen in die andere Person und die Situation zu legen, sondern die Perspektive des Menschen gegenüber zu verstehen. Eigentlich gilt es, die gemeinsame Grundstimmung zu teilen, sich auszutauschen und zu akzeptieren, dass die Geschichte und Gefühle des Menschen gegenüber andere und nicht die eigenen sind. Andererseits ist es ebenso erforderlich, dass sich nicht das gesamte Engagement in Aktivitäten in der Welt verliert. Grundlegende Einsichten dürfen nicht aus den Augen verloren werden.  Betreffend Perspektivwechseln trägt die Fähigkeit des grundlegenden Verstehens zur Erweiterung der Reichweiten bei. Perspektivenwechsel stellen dann den Eintritt in diese (sogenannte post-moderne) Welt der Gegenwart dar, wenn der Mensch nicht im Glauben an die eine, die eigene, die abendländische Wahrheit stehenbleibt. Erst dann erscheinen Grundlagen als nichts Festes. Möglichkeiten der Veränderung können überhaupt erst verstanden werden.  

 

Ganzheitliches Verstehen heißt auch, dem Umfang und der Komplexität der Inhalte überhaupt gerecht zu werden. Tatsächlich gibt es gute Gründe aus der Geschichte zu lernen. Auch der Versuch, aus der Geschichte und überhaupt lernen zu können, macht es erforderlich, nicht in entscheidenden Situationen und Positionierungen stehen zu bleiben. Indem einhergehende Gefühle angenommen werden, kann dann die volle Reichweite des Verstehens umgesetzt werden. Auf diese Weise gelingt es, Hinweise frühzeitig wahrzunehmen. Rechtzeitig können Ausbau von Korruption, despotische Herrschaftssysteme, allgemeine Unzufriedenheit und andere fraglichen Praktiken und Entwicklungen erkannt und abgewandt werden. Zudem gilt es zu erkennen, dass über diese konstruktive Einflussnahme Veränderungen der grundlegenden Missstände erforderlich sind. Auch wenn aus  der Geschichte gelernt wird, wird auf diesem Wege das Ungleichgewicht nicht abgebaut. Eine Gesamtsituation kann erst dann verstanden werden, wenn Folgen und Auswirkungen von grundlegenden Zusammenhängen unterschieden werden können. 

Es ist wichtig, dass der Einfluss von Staatsgewalt und insbesondere Polizei sich rechtens vollzieht. Einerseits sollten Missstände staatlich-polizeilichen Handels verändert werden und zugleich sollte das Ungleichgewicht nicht aus den Augen verloren werden.

Immer wieder gelingt es Menschen mit entsprechender Reichweite eine komplexe Situation zu erfassen. In der Krise und Not wird Schmerz und Wut angenommen und über den Tellerrand hinweg die Abhängigkeitsbeziehung und das Ungleichgewicht wahrgenommen.

Wenn das Ungleichgewicht und die weltweite wirtschaftliche Einflussnahme als grundlegend verstanden werden, ist weitreichende Einflussnahme der Menschen erforderlich. Immer wieder sind Menschen in der Geschichte gemeinsam auf die Straße gegangen.

Einflussnahme, Aktionen und Demonstrationen, die auf politische Änderungen abzielen, sich von veränderter Politik Antworten erhoffen oder einfach gegen die Politik gerichtet sind, haben eine begrenzte und womöglich nicht die erforderliche Reichweite.

Gegenwärtig stellt sich die Frage, inwieweit Reichweiten von Demonstrationen und anderen Initiativen überhaupt grundlegende Veränderungen erzielen können. Das weltweite Ungleichgewicht wird mitunter lediglich gestaltet und gleichzeitig erhalten und ausgebaut.  Kritisch sollte gefragt werden, welche Initiative aufgrund ihrer geringer Reichweite letztlich nicht doch das Ungleichgewicht bedient. Menschen sind engagiert, finden zu Demonstrationen und Veranstaltungen zusammen. Wenn sich trotz Einflussnahme auf die Politik das Ungleichgewicht in der Gegenwart weiter vergrößert, das Ungleichgewicht und nicht die Politik als grundlegend herauskristallisiert hat, dann sind unbedingt Veränderungen mit grundlegender Reichweite erforderlich. Notwendigerweise müssen eine Initiative, Engagement und Veränderung auf grundlegende Handelskreisläufe und Abhängigkeitsbeziehungen Einfluss nehmen. Tatsächlich beeinflussen ausschließlich derart grundlegende Veränderungen die Struktur und die Dynamik des Ungleichgewichts. Grundlegende Veränderungen erfordern maximale Reichweiten einer Initiative.