Alltäglicher Umgang mit „grundlegenden Einsichten“: Das muss es nicht gewesen sein

Politiker weisen medienwirksam auf überhöhte Managergehälter hin, während die Schieflage der Gehälter insgesamt längst bekannt ist. Spätestens seit der letzten Wirtschaftskrise wird über die Folgen von Risikoinvestitionen für die Allgemeinbevölkerung gesprochen. Das Empfinden und Leiden in der Lebens- und beruflichen Situation wird durch das Bild des Arbeitnehmers als austauschbares Rädchen in einem System greifbar gemacht. Heute wie damals ist die Rede vom „kleinen Mann“, welcher irgendwie passiv ausgeliefert wirkt und dem der Prozess gemacht wird. Obwohl im Alltag fragliche Weltanschauungen, Handlungs- und Verhaltensanweisungen angeboten und fragliche Informationspolitik betrieben wird, werden diese grundlegenden Einsichten nicht verdeckt. Allgemeine Missstände sind kein Geheimnis. 

 

Missstände und Alltagssituation der Menschen sind ebenso wie grundlegende Zusammenhänge nicht wirklich Inhalte der Wissenschaften. Die Möglichkeiten einzelner Wissenschaften sind einerseits diesbezüglich begrenzt, da Wissenschaften „anders“ arbeiten. Zudem stehen anderen Forschungsprojekten andere finanzielle Mittel zur Verfügung bzw. ist von anderen wirtschaftlichen Prioritäten auszugehen.  

Einerseits ist die Reichweite der jeweiligen Informationsverarbeitung in entsprechenden wissenschaftlichen Teilbereichen begrenzt. Grundlegende Einsichten können weder hinreichend erfasst noch angemessen verarbeitet werden. Weder das Verstehen des Menschen im Alltag noch dessen Sorgen sind Inhalte einer Wissenschaft. Komplexe Inhalte reichen über den Tellerrand einzelner Wissensbereiche hinaus. Andererseits kann der Mensch nicht als Objekt einer einzelnen Wissenschaft gefasst werden. Als Arbeitnehmer in seinem Berufssystem dargestellt oder als eigener Personal Fitnessmanager begriffen, werden lediglich einzelne Facetten erfasst. Während die Person als Konsument von Selbstmanagement und Selbstfindungskursen in diverse Rollen schlüpft, bleibt der Mensch im Ganzen unberührt.

Jene Inhalte und Facetten der Wirklichkeit, die von „besonderen“ bzw. wirtschaftlichen Interessen sind, werden in der Gegenwart von wissenschaftlicher Forschung aufgegriffen. Diverse andere Facetten, darunter auch jene ethisch-grauen Flecken, werden weitestgehend ausgeschlossen. Insgesamt kann der Einfluss von wirtschaftlichen Eigeninteressen auf wissenschaftliche Praktiken und Informationspolitik nicht eindeutig benannt werden. Antworten auf mitunter noch nicht gestellte Fragen werden ebenso gegeben wie Handlungsmöglichkeiten zur Seite gestellt. Das Prinzip der Gewinnmaximierung räumt derartigen Fragestellungen und den Sorgen der Menschen insofern eine Bedeutung ein, da mitunter Informationen zum Geschäftemachen beitragen.   

 

Im Alltag werden Menschen zu Angehörigen einer Minderheit gemacht, Personen kämpfen als Verfechter von Gerechtigkeit und Menschenrechten oder versuchen als kritische Leser der Tageszeitung Überblick zu haben. Mit Aufgaben und mitunter Sorgen beschäftigt, sind sie nicht anders als im Berufsleben auch im Privatleben mehr oder weniger an Pflichten gebunden. Nach Zielen strebend gilt es, die eigene Position zu überblicken. Während Bewertungen erforderlich sind, müssen Bilanzen gezogen und Pläne umgesetzt werden. Neben alltäglichen Informationen werden auch jene grundlegenden Einsichten „verarbeitet“.  

 

Die Schnittstelle bzw. der Berührungspunkt von Individuum und angebotener Ware sind persönliche Vorstellungswelten. Die Informationen werden genutzt und mitunter meint die Person diese zu brauchen. Verfügbares Wissen und bereitgestellte Handlungspraktiken haben zugleich anleitenden als auch (rück-)versichernden Charakter. Insgesamt stellt das Gestalten der Spiel- bzw. Vorstellungsräume eine persönliche Angelegenheit dar. Die einhergehende narrative Identität hängt nicht selten sowohl mit Berechnen und rationalem Kalkül zusammen, als sich zugleich auch eine kontrollierende Sorge findet. Die Gestaltung des Alltags und der Person ist nicht von  Angeboten und angebotenen Praktiken zu trennen. Mitunter beeinflussen sogenannte „wissenschaftlich-erwiesene“ oder als solche gepriesene Tatsachen den Alltag. Gezielt werden derartige Informationen und Mittel aufgegriffen. Erklärungen werden ebenso eingefordert und Experten in entsprechenden Teilbereichen gut angenommen wie andere Erklärungen und Experten abgelehnt. Solange neue Handlungspraktiken greifen, sind Information und Praktiken für die Person und den Anbieter gewinnbringend. Nicht selten werden sekundäre Folgeprobleme zum Thema gemacht während grundlegende Einsichten eingebüßt werden. Jenseits von grundlegenden Einsichten, Nöten und gar Sorgen funktionieren normale und insbesondere intellektuelle Praktiken. Die Abhängigkeitsbeziehung ist von grundlegender Bedeutung und zugleich für die Person nicht von  Interesse. Abgesehen von diesen „ärgerlichen“ Phasen im Alltag, wenn es einfach nicht so recht zusammenlaufen will, gelingt es der Person, sich nicht als Rädchen in einem System wahrzunehmen. 

 

Wie Personen mit grundlegenden Einsichten und Sorgen umgehen, unterscheidet sich erheblich. Manche Person meint beispielsweise, entsprechende Gesundheits-, Fitness- Wellness- und sonstige fraglichen Praktiken zu brauchen. Diese Person sorgt dafür, dass mit derartigen Praktiken der Alltag gänzlich eingerichtet ist. Ambitioniert werden Praktiken ausgebaut und grundlegende Einsichten rücken in weite Ferne. Mitunter strebt die Person mit federführender Sorge nach der Gewissheit, zumindest alles getan zu haben, und möchte entsprechend verstanden werden. Zwischen Stress und Belastung rückt grundlegendes Wohlempfinden nicht selten in die Ferne. Forderungen an andere nehmen zu. 

Andere Menschen treiben einfach Sport. Entsprechend unterscheiden sich Erleben von Ungerechtigkeit und Verbrechen und einhergehendes Engagement.   

 

Der Umgang mit grundlegenden Einsichten ist dann fraglich, wenn zum Einen ausschließlich spezielle Einsichten herausgepickt und zum anderen persönliche Bedeutungszuschreibungen die Wahrnehmungen einschränken. Derart (radikale) Anpassung an die Ordnung des eigenen Erfahrungsschatzes verdeckt schlichtweg grundlegende Einsichten. Durch das Empfinden von Ungerechtigkeit wird „etwas“ angestoßen. In der Person ist „etwas“ in Bewegung gekommen und nicht selten wird „persönliches Streben“ in Gang gesetzt. Entsprechend der persönlich und aktuell relevanten Themen ist der Wunsch mehr zu wissen und Interesse geweckt. Die Auswahl ausschließlich spezieller, zu den eigenen Vorstellungen passender Informationen ist selektiv. Während von der grundlegenden Einsicht wenig übrig bleibt, geht die Bedeutung der grundlegenden Einsichten verloren. Sinnerfassen und Verstehen werden durch weitere Anpassung an Wissensbereiche und angewandte Praktiken beeinträchtigt. In der Vergangenheit hat politisches Engagement u.a. zum Ausbau des tragfähigen juristischen Rahmens beigetragen. Deswegen stellt politisches Engagement meist auch jetzt die Handlungsoption erster Wahl dar. 

 

Eine besondere Situation stellen Krisen- und Notsituationen dar. Wenn Eifer und Unsicherheit den Alltag gestalten, wird nicht selten der Ruf nach Förderung größer. Charakteristisch für den in der Not geborenen Eifer sind dessen irrationale Züge. Teilweise sind dadurch begrenztes Verstehen und manche Missstände hausgemacht. Fragliche Theorien sind ebenso schnell zur Hand wie Anhänger gefunden und grundlegende Zusammenhänge überbrückt sind. Die Größe der Aufgaben lässt die eigenen Probleme klein und annehmbar erscheinen. Räume werden gebilligt und entsprechend der Vorurteile „bereinigt“. Gemeinsam herrscht die Überzeugung vor, dass es so und nicht anders laufen muss. Persönliche Inhalte werden in den Vordergrund gestellt. Mit Nachdruck wird zum Mitmachen aufgefordert. Im Namen der allgemein vertretenen Werte haben die anderen – gegen die spezielle Vorkehrungen zu treffen sind – draußen zu bleiben. Im Alltag und Berufsleben wird im großen Stil jener oberflächliche, nicht selten provokante Austausch gepflegt. Losgelöst von Grundlagen ist Sicherheit ein Gefühl in diesem Zustand (vgl. allgemein AfD).