Das Ungleichgewicht als Grund für Ungerechtigkeit

Verstehen der gegenwärtigen Situation heißt, bei jenem Ungleichgewicht anzusetzen, das der Kluft zwischen Arm und Reich zu Grunde liegt. Sowohl diese Kluft als auch Engagement und Widerstand sind Teil der Geschichte, reichen bis zu den Anfängen des Abendlandes und weiter zurück. Bis zum heutigen Tag vergrößert sich die Kluft stetig weiter, während Widerstand und Engagement dagegen anhalten. Auf Konfliktlösungen folgen neue Auseinandersetzungen.
Die Quantität des zugrundeliegenden Ungleichgewichts und damit die Komplexität der Folgen nehmen bei jeglichem Handel zu. Das Ungleichgewicht ist das aus der alltäglichen Gewinnverteilung resultierende Ungleichgewicht der Vermögen und des Einflusses. Die tatsächlichen Ausmaße des Ungleichgewichts sind gigantisch, erstrecken sich weltweit über die Grenzen des Handels und sind kaum zu überschätzen. Die Auswirkungen des Ungleichgewichts betreffen alle Menschen, doch lediglich „jene Wenigen“ sind Nutznießer. Das Ungleichgewicht als grundlegendes Phänomen ist im klassischen Verständnis von Handel angelegt.

 

Immer schon war Ungerechtigkeit von Interesse. Das Engagement und der Kampf gegen Ungerechtigkeit sind in Geschichtsbücher eingegangen und verbinden Menschen heute ebenso wie früher. Bis in die Gegenwart hinein wird den Folgen des Ungleichgewichts und nicht dem Ungleichgewicht Beachtung geschenkt. Ohne grundlegende Änderungen besteht weiterhin der
aufrechterhaltende Einfluss des Ungleichgewichts. Jeglicher Produktkauf bringt auch das Einlassen auf jene Abhängigkeitsbeziehung mit sich und damit das stumme Legitimieren jener fatalen Relation. Während die Abhängigkeitsbeziehung als solche seit eh und je unverändert bleibt, werden Handel und Alltag in der Gegenwart in einem nunmehr komplexen juristischen und politischen System verstanden.
Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse sind ebenso wie aktuelle ethische Standards etabliert. Allerdings schließen Interesse und der moralisch-ethische Diskurs grundlegende Fragen nach der Regelung der Gewinnverteilung oder beispielsweise nach dem Einfluss der Unternehmensführung nicht ein.

Allgemein hat sich bis zum heutigen Tag keine komplexe Wirtschaftsethik etabliert, die als solche ihren Namen verdient. Notwendigerweise müssten alle und insbesondere auch grundlegende Bereiche der Wirtschaft erfasst werden. Neben der theoretischen Ausarbeitung ist eine ebenso verbindliche wie auch allumfassende Umsetzung in der Praxis angezeigt. Bis dato imponiert im Alltag das Ungleichgewicht aus Sicht von Marogal als ein weißer Fleck auf einer lückenhaften Landkarte. Die Darstellung der Gründe von Ungerechtigkeit und Verbrechen ist nicht vorgesehen und findet nicht zufällig allgemein im Alltag keine Aufmerksamkeit. Allenfalls in Krisenzeiten werden öffentliche Aufmerksamkeit und Sorge angestoßen, nämlich dann, wenn gesellschaftliche Werte von allgemeinem Interesse verletzt sind. Vielfältige Gesichter und Formen von Ungerechtigkeit und Verbrechen werden wahrgenommen. Auf aktuelle Konflikte wird ebenso Einfluss genommen, wie am anderen Ende des
politischen Spektrums Forderungen nach Sicherheit gestellt werden. In Krisenzeiten wirken sich die Folgen des grundlegenden Ungleichgewichts aus, ohne als direkte Auslöser in Erscheinung zu treten.


„Der grundlegende Ansatz“ versteht vielfältigste aktuelle Krisen und Probleme auf regionaler und internationaler Ebene als Folgeprobleme des Ungleichgewichts bzw. es wird von einem unmittelbaren Zusammenhang oder indirekten Bezug ausgegangen. Jene Ungerechtigkeit ist die Folge des Ungleichgewichts. All jene den Alltag und das Leben negativ beeinflussenden und determinierenden Ungerechtigkeiten, werden nicht als Ursache verstanden, sondern im Zusammenhang des grundlegenden Ungleichgewichts gesehen.
So werden etwa Ausländer- wie Frauenfeindlichkeit nicht als isoliertes Phänomen/isolierte Phänomene verstanden. Ansätze von Konfliktlösungen finden sich sowohl innerhalb der jeweiligen Thematik als auch in grundlegenden Zusammenhängen. Das sich ausweitende Ungleichgewicht wirkt sich auf den Einzelnen im Alltag aus. Politischwirtschaftliche Rahmenbedingungen und damit die Lebenswelt als solche werden A) indirekt und direkt durch materiellen Einfluss und B) durch psychisch-funktionale Folgen beeinflusst:


A) Die materiellen Einflüsse wirken sich insbesondere auf die ohnehin wirtschaftlich am schwächsten gestellten Menschen aus. Während weltweit die Menge aller Lebensmittel den Bedarf an Lebensmitteln deckt, in Ländern wie Deutschland insgesamt im Durchschnitt ein gutes Lebensniveau für alle gegeben sein könnte, sieht die tatsächliche Lebenssituation
erheblich schlechter aus. Während die Angestellten in Produktion und Vertrieb für das Gesamtunternehmen unersetzlich sind, verlieren sie bei zunehmenden Gewinnen und werden ärmer.
B) Mit dem Ungleichgewicht gehen komplexe, psychisch-funktionale Folgen einher. Die Arbeitswelt steht im Zeichen der Gewinnmaximierung. Permanenter Stress, der Druck des „Stets-präsent-sein-Müssens“, des „Hochleistungen-liefern-Müssens“ und der Zwang des „Final-funktional-ausgerichtet-sein-Müssens“ nehmen zu. Der Einfluss jenes „wirtschaftlichen Gesamtpakets“ nimmt auch im Alltagsbereich zu und wirkt sich nachhaltig auf die politische Praxis aus.


Das Ungleichgewicht ist Nährboden für weitere Ungerechtigkeit und zunehmenden Wohlstand jener wenigen Nutznießer. Diese machen nicht zufällig das Ungleichgewicht nicht zum Thema. Ansonsten stellt sich die Frage, warum nicht nach dem Ungleichgewicht gefragt wird. Grundlegendes Verstehen der Ursprungsgeschichte des Ungleichgewichts steht an und ist für den Aufbau einer Handlungsalternative erforderlich.


Ausgangspunkt für Kritik und Verständnis – sowohl der aktuellen Situation als auch der Vergangenheit – ist der Ursprung des Ungleichgewichts. Notwendigerweise dürfen weder Ungleichgewicht noch Abhängigkeitsbeziehung weiter bedient werden. Die Einsicht in den Zusammenhang von Handel, Ungleichgewicht und Ungerechtigkeit ist der mögliche Anfang vom Ende der Abhängigkeitsbeziehung.
Weiterhin ist die Gestaltung des juristisch-politischen Rahmens notwendig. Gleichzeitig wird endlich die grundlegende Ausgangssituation aufgedeckt. Für eine bessere Welt kämpfen, muss nicht heißen, sich träumend als engagierte Person in die Waagschale zu werfen oder sich theoretisch in Themen zu verlieren. Solange grundlegende Zusammenhänge unberührt bleiben, sind Widerlegungsversuche sowie Streben nach neuen Lösungsmöglichkeiten und das Ausbessern von Teilproblemen wenig
erfolgreich.
Weder allgemeine Erklärungen noch weitere Analysen der Folgen des Ungleichgewichts erreichen die grundlegenden Zusammenhänge.
Eine geschickt formulierte Frage, eine weitere Debatte und gar die Einnahme einer Gegenposition sind die Weiterführung der Abhängigkeitsbeziehung. Bei der weiteren Fortsetzung macht Marogal nicht mit.


Gegenwärtig prägen Vorschläge, Erneuerungen und Einflussverschiebungen als Antworten auf vielschichtige Ausprägungen der Ungerechtigkeit Alltag, Medien und wissenschaftliche Analysen. Marogal fragt nicht nach dieser Normalität. Weder das klassische Verständnis von Handel noch verdeckte Gründe werden weiter analysiert. Damit es praktisch und grundlegend vorangehen kann,
braucht der einzelne Mensch überhaupt erst einmal ein schlichtes Verständnis des Ungleichgewichts.
So kann entscheidende Unzulänglichkeit des bisherigen Vorgehens nicht weiter übersehen werden und wird stattdessen aufgedeckt. Es bedarf nicht viel, um das Ungleichgewicht zu verstehen und es dann gemeinsam in ein Gleichgewicht umzuwandeln. Das klassische Handelsverständnis ist eines unter vielen und kann verändert werden. Die Mehrheit der Menschen hat nicht weiterhin unter den Folgen des einen Verständnisses zu leiden.
Handel als solcher und insbesondere ein ganzheitliches Verständnis von Handel in natürlichen Handelssituationen ist Ausgangspunkt und Ansatzpunkt von Veränderungen.